salaam/shalom - Arabische Welt und Israel

Ich stand vor der Entscheidung: Bringe ich Salaam, das arabische oder Schalom, das hebräische Wort für Frieden in die Zeile im Kopf der Website?  Es gibt so viele Bezeichnungen für Frieden in so vielen Kulturen in aller Welt, und ich kann doch nur 12, vielleicht 13, auswählen. Und so kann ich doch nicht gleich zwei Begriffe aus dem selben Kulturkreis nehmen, die auch noch von der Wortbedeutung her so gut wie identisch sind. Natürlich drängt sich Schalom auf. Kennt doch jeder. Schalom ist der Begriff schlechthin für Frieden, besonders für Menschen, denen das "Heilige Land" etwas bedeutet.

Muss aber das, was dominant ist, sich ohne weiteres und fraglos breit machen und anderes verdrängen? Und so richtete ich meine Aufmerksamkeit auf Salaam. Im Blick auf den äußerst schwer wiegenden Konflikt zwischen Israel, wo Schalom zuhause ist und der palästinensischen Bevölkerung, wo Salaam, Salaam aleikum, die heimischen Begrüßungs-Worte sind, musste ich mich auf die Seite der Geschundenen schlagen. Zudem gehört Salaam der ein wenig älteren, einer Geburt und einer Generation älteren, arabischen "Nation" an. Ismael, der als Stammvater des arabischen Volkes angesehen wird, war der erstgeborene Sohn Abrahams und Israel (mit dem ursprünglichen Namen Jakob) ein Enkel Abrahams, in der Linie Isaaks, des Zweit-Geborenen.

Ich denke immer an Israel und Ismael im Zusammenhang mit dem großen Streit der Brüdervölker (oder Neffen-Völker)in Nah-Ost und plädiere für Ismael als Name für den Staat der Palästinenser. So würde deutlich, dass sie eng miteinander verwandt sind.

Es ist als wenn die "Familienkonflikte", die sich den "Heiligen Schriften" nieder geschlagen haben, sich durch Generationen hindurch fortsetzen. Ich will diese Konfliktgeschichte in wenigen Linien nachzeichnen. Wo bleiben da Salaam und Schalom, die im Grunde in beiden Sprachen: Wohlergehen, Unversehrtheit, sicher-sein, Glück, , freundlich-miteinander, im Frieden, be-inhalten? Ist dies das Grundgefühl oder die Sehnsucht des Volkes, beider Völker? Von den Völkern in aller Welt, vor allem von den einfachen "Menschen auf der Straße" hören wir, dass "wir alle Menschen sind", und "alle in Frieden leben wollen". Wenn es denn nicht dezidierte Interessenlagen in jedem Volk und darüber hinaus in und zwischen den Völkern gäbe, die sich auch noch mit Religion und dem Göttlichen liieren, um die Interessen zu rechtfertigen. Was aus dem Herzen der einfachen Menschen spricht ist es Mythos oder tief drinnen verwurzelte Realität? In den "Heiligen Schriften mischen sich Mythos, reale Fakten und Interessen zu einem schwer durchschaubaren, manchmal sympathischen Bild, manchmal zu einem leicht durchschaubaren interesse-geleiteten Bildnis.

Beide, Israel und Ismael, sind Söhne, bzw. Enkelsöhne Abrahams. Ismael ist der Erstgeborene, von der ägyptischen Magd Hagar. Israel /Jakob kommt erst in der nächsten Generation. Sarah, die rechtmäßige Ehefrau Abrahams war lange unfruchtbar, sodass sie Abraham vorschlug mit der Magd Hagar Nachkommen zu zeugen. Als dies dann real geschah, waren die beiden Frauen sich nicht mehr grün. Hagar, die Magd stolz, Sarah, die Herrin gedemütigt. Und Abraham dazwischen. Der ließ dann den lieben Gott zu ihm sagen: Hör auf alles, was Dir Sarah sagt. Gen. 21,12. Und somit wurde Hagar mit ihrem Sohn im wahrsten Sinne des Wortes "in die Wüste" geschickt, wo schließlich beide durch die Hilfe Gottes und seiner Engel Wasser finden. Ismael bedeutet "Gott hört" und erhört beide in ihrem Leid. Hagar sagt in diesem Zusammenhang (es gibt zwei alternative Erzählstränge) einmal den bedeutenden und hoffnungsvollen Satz: Habe ich nicht nach dem geschaut, der nach mir schaut?" (El-Roi - Gott, der nach mir schaut.) Gen. 16,13.

Wie bekannt, gebar Sarah viele Jahre später, in noch höherem Alter Isaak, als sie neunzig war, so die Bibel, nachdem die drei Boten Gottes, die Abraham vor seinem Zelt besuchten, dem Paar dies verheißen hatten und Sara im Hintergrund, zunächst nur darüber lachen konnte. Geburten, die gegen die natürliche Erwartung stattfanden, werden in der Bibel deutlich als Werk Gottes markiert. Isaak also, der wider alles Erwarten im eigentlich nicht mehr gebärfähigen Alter seiner Mutter Sarah zur Welt kam, war ein "Sohn" Gottes, ein Geschenk Gottes. Den "ewigen Bund", den wahren Bund, den schließt Gott mit ihm und seinen Nachkommen. Etwas sekundär lässt die jüdische Bibel zu, dass auch Ismael gesegnet wird mit reichlich Nachkommen. Gen. 16,10.

Isaak nun war der Vater Jakobs. Wie bekannt, ist Jakob der jüngere Zwillingsbruder von Esau, dem er mit List und Tücke und der Hilfe seiner Mutter Rebekka das Erstgeburtsrecht und damit den großen väterlichen Gottes-Segen für sich und seine Nachkommenschaft erschlich. Wiederum ist die Bibel gütig und lässt auch Esau mit einem zweitrangigen, aber doch guten und reichlichen Segen gesegnet werden.

Der Name Israel kommt ins Spiel durch den Kampf Jakobs mit dem Engel Gottes am Jabbok-Fluss, wo Jakob allein sein wollte, ehe er den früher gelinkten Bruder Esau treffen sollte, nachdem er/Jakob mit Hab und Gut von seiner Brautschau zurückkehrte. Bei dem Kampf mit der Gottesgestalt wurde Jakob durch eine Hüftverletzung gezeichnet/stigmatisiert und erhielt schließlich den Ehrentitel  Israel: Gottesstreiter. Das Ganze geschah bei der Rückkehr Jakobs von seinem ebenfalls trickreichen Deal und Dienst bei seinem Onkel Laban, wo er zunächst sieben Jahre um seine geliebte und schöne Frau Rachel gedient hatte, dann aber von deren Vater Laban die ältere, angeblich hässliche Leah verschleiert unter geschoben bekam. Er diente also weitere 7 Jahre in der Familie des Onkels um Rachel. Jakob war nun, zusammen mit seinem ganzen Gefolge, den zwei Frauen, ungezählten Schafen und Kamelen, auf dem Weg nach Hause, wo ihm der Konflikt und Streit mit seinem Bruder Esau bevorstand. Dieser Konflikt wurde am Ende gütlich - durch Herzeigen und Hergeben von Gütern und vor allem durch Einsicht und guten Willen familien-friedlich gelöst - nachdem der Gottesstreit mit Gottes Segen zugunsten Jakob/Israels durchgestanden war.

In der Dichte der Nacherzählung wird im Grunde der Konflikt sowohl innerhalb des Volkes Israel wie auch mit dem arabischen Brudervolk Ismael paradigmatisch deutlich, d.h. vom Ursprungsmuster her. Im Grunde werden auch Lösungsmuster angezeigt. Es wird demütig gebüßt, es wird erfolgreich mit der Gottesvorstellung gekämpft, wenn auch nicht ohne Stigmatisierung, nicht ohne dass es Spuren hinterlässt. Es wird ernsthafter guter Wille an den Tag gelegt. Das mag zunächst für den umfangreichen innerisraelischen Konflikt ins Auge fallen, für den Esau-Konflikt sozusagen. Dabei denke ich in Bezug auf das heutige Israel an Zionismus mit Erwählungsmuster vs. humanistisches Streben, an Ashkenasi- vs. sfardisches Judentum, also europäisch geprägtes Judentum vs. das asiatische, an die kritische Friedensbewegung  gegenüber dem orthodoxen und auch staatstragenden Israel, also an einige der großen Verwerfungen innerhalb Israels. Beim "Ismael"-Konflikt, also dem mit den Palästinensern und der arabischen Welt, fällt eher das israelische Elite-Bewusstsein ins Auge: Wir sind die von Gott Gesegneten. Uns ist das Land versprochen. Wir sind die wahren, rechtmäßigen Kinder Abrahahms, wir sind das auserwählte Volk Gottes. Auch hier sind die genannten, eher innerfamiliären Lösungsmerkmale, wie Buße/Metanoia/Umkehr, Auseinandersetzung mit der Gottesvorstellung und ernsthafter Wille gewiss nicht fehl am Platz. Es geht aber beim Ismael-Komplex für Israel hauptsächlich um dieses Elite/Überlegenheits-Bewusstsein und das Gott-für-sich-einspannen. Die oben sichtbar gewordene biblische Lösung ist sicher nicht grundlegend lösend. Mag Ismael auch noch so sehr Erstgeborener sein und eine Generation älter sein als Jakob/Israel und auch seinen Gottessegen erhalten haben, es bleibt alles sekundär, zweitranig für das jüdische und israelische Auserwähltheits-Bewusstsein. In dieser Hinsicht gibt es aktuelle Lösungsansätze innerhalb des jetzigen Volkes und Staates Israel. Avraham Burg, eine sehr bedeutende politische Gestalt  (u.a. einst Knesset-Füher), plädiert eindeutig und vehement gegen das zionistische Auserwähltheitsdenken und für ein humanistisches, in die Reihe mit andern Völkern integriertes jüdisches Volk und jüdischen Staat.

Die Rolle der Frauen, einst die von Sarah, Hagar und Rebekka, heute die der mutigen, klar sehenden israelischen Frauen in der israelischen Friedensbewegung ist ein eigenes Thema, es ist ein komplexes Thema zwischen patriarchal-religiös sozialisierten und mutig die eigene Power findenden säkular bestimmten Frauen.

An dieser Stelle will ich für die wunderbare Grundbedeutung des Salaam und Schalom plädieren, das hier wie da: Wohlbehalten, Wohlergehen, freundlich miteinander, im Frieden sein, meint. Es muss in der Seele Israels wie Ismaels vorhanden und tief verankert sein. Wie anders könnte es sich über Jahrtausende in dieser Form und Bedeutung erhalten haben. Ich möchte sie aneinander knüpfen, auch mit first comes first. Möge dieser so arg verknotete und aussichtslos erscheinende, unbarmherzige politische Familienkonflikt, den manche das Herz des Konfliktes der Menschheitsfamilie nennen, durch Rückbesinnung auf die tieferen menschlichen Werte in der je eigenen Kultur gelöst werden: Salaam/Schalom!

 

H. Raskob