an - China

Das Wort an kennen wir aus dem Namen für den "Platz des Himmlischen Friedens", der 1989 bei der Studentenrevolte gar nicht friedlich und schon gar nicht himmlisch war: Tian-an-men. Es geschah dort das von oben angeordnete Massaker an den demonstrierenden Studenten. Tian bezieht sich auf den Himmel, an auf Ruhe/Frieden, men steht für Tor. Also: Himmels Friedens-Tor oder: Das Tor zu Himmlischem Frieden. Konkret ist es das Tor zur so genannten Verbotenen Stadt in Peking, dem Areal, das einst dem Kaiser von China und seinem Hofe vorbehalten war. Er ließ sich in der langen mythisch-mystischen Tradition Chinas als göttlicher Sohn des Himmels verehren.

China hat eine "ewig-lange" Tradition und konkurriert, was die alten Kulturen angeht, mit Mesopotamien (dem heutigen Irak), also den Sumerern (vor den Babyloniern und Assyrern) und der ägyptischen Kultur.

Wohl bekannt und vertraut ist uns das Dao/Tao - Symbol, dieser Kreis, in dem sich mit der S-Linie die Welt in Hell und Dunkel aufteilt und gleichzeitig - so die Philosophie dazu - in einem ständigen Wandel von hell in dunkel, von weich in fest, von weiblich in männlich, von warm in kalt, etc. befindet. Überhaupt wird die Natur und der Lauf der Dinge sehr geachtet. Das Grundlegende, das Sein selbst, wird geachtet, es hat, wie wir natürlich aus der Kenntnis der Evolution wissen, seine eigene kraft- und formvolle Hervorbringungskraft in sich. Jemand formulierte es passend: "Die Dinge und ihr Verlauf werden als sich selbst ordnend und sich selbst in ihrer Natur entfaltend und verwirklichend angesehen." Im Dao-Kreissymbol ist der eine Teil vom geschwungenen S dunkel, mit einem hellen Punkt in der Mitte, und der andere Teil hell mit einem dunklen Punkt in der Mitte. Das soll symbolisieren, dass in jedem Dunkel schon ein Hell steckt und in jedem Hell allerdings auch wieder ein Dunkel  -  als Urgrund, Ursprung allen Seins, wie wir es vom so genannten Schwarzen Loch kennen, das im Urknall zum helllichten Feuer und Anfang unseres Universums wurde, unseres! [1]

Das Dao und seine Philosophie gehen weit zurück in der Geschichte des alten China. In die Natur eingewachsene alte Männer stehen für diese uralte Zeit und Lebensphilosophie. Das Natürliche, die Natur, das Leben mit der Natur, ist das A und O. Ich erinnere mich an Sprüche oder Weisheiten, in denen später, als der Konfuzianismus schon Chinas Philosophie und Politik beherrschte, aber Vertreter der daoistischen Tradition noch das Alte vertraten und verteidigten, dass die Daoisten die moralischen Regeln der Konfuzianer schmähten und davon sprachen, dass jeder, der naturgemäß lebt und aufs eigene Herz hört, weiß was recht und unrecht ist und was er in der Gesellschaft zu tun hat. Die strengen hierarchischen Gesetze des Konfuzius (Mann vor oder über der Frau, das Feste vor dem Weichen, etc.) seien künstliche Ordnungsgebilde und nicht zuträglich für ein gütliches, natürliches Miteinander. 

Dazu erinnere ich mich auch an eine entsprechende volkstümliche Geschichte, die ich kurz hier erzählen möchte, weil sie das natürliche Gefühl des Menschen zu Krieg und Frieden widerspiegelt.

Zwei Parteien lagen im Streit über eine kommunale Sache. Da schickte eine Partei Kundschafter aus, um zu erkunden, wie die Wege und das Gelände zur anderen Partei hin seien. Diese kehrten zurück und berichteten, dass der Weg leider unabänderlich durch das Anwesen, Hof, Gelände, Garten, eines friedlich lebenden und arbeitenden Ehepaares mit ihren Kindern führe. Nun, das war dann Grund genug, die geplante kriegerische Auseinandersetzung wieder aufzugeben und die ganze Sache auf sich beruhen zu lassen. 

In einfacher und naiver Form wird das Vernünftigste und Menschlichste aufgezeigt: Kriegerische Ziele können die Zerstörung eines normalen, dem Leben verpflichteten Dasein nicht rechtfertigen.

Wie eine Vertreterin der Kulturabteilung der chinesischen Botschaft mich aufklärte, ist "an" zwar in diesem Begriff vom Platz des Himmlischen Friedens enthalten und heißt im Prinzip: Harmonie, glücklich-harmonisch, das moderne politische Wort für Frieden sei heute jedoch: he ping. Wobei "he" (miteinander) gut zurecht zu kommen, "genau das Gegenteil von Konflikt, Streitigkeit" sei, wie Wei Ping, eine chinesische Gelehrte in Deutschland, mir erklärt. Ping stehe für ruhig, still, den gewöhnlichen, normalen Zustand der Dinge. 

China ist prinzipiell bekannt als das große Land der Mitte, das, zumindest mit den Nachbarn wohl kaum Krieg anzettelte, wiewohl der Begriff Krieg und Kriege als solche zwischen den Volksgruppen Chinas sehr wohl bekannt sind. Nach außen hat man sich wohl eher mit der großen chinesischen Mauer abgeschottet, die ihrerseits allerdings die Männer des eigenen Landes nicht schonte während des Baus. Die Zahl der wie Sklaven arbeitenden und ausgebeuteten Männer ist hoch.  Auch die Opfer die, sowohl während der Kultur-Revolution (1966-76) wie zu Zeiten der Kaiser, wenn gewiss in unterschiedlichem Maße, dem Volk abverlangt wurden, hatten mit dieser hierarchisch-autoritären  Ordnung zu tun. Ordnung und Harmonie wird fast um jeden Preis verlangt und dabei wird alles, was dem im Wege steht, mit gutem Recht, wie man meint, unterdrückt oder aus der Welt geschafft. Das entspricht nicht dem alten Dao, welches das eine wie das andere und alles zu seiner Zeit ehrt und achtet: das Hell wie das Dunkel, das Widrige wie das Genehme, so wie das Leben und die Natur es in sich tragen. Die heutige Verfolgung und Ausräumung der Opposition gehört zu dieser schein-heilen Welt. Das sind allerdings Einstellungen und Praktiken, wie sie so oder etwas anders in allen Kulturen vorgekommen sind und auch heute noch von Staaten mit den höchsten Ansprüchen an Demokratie unter den fadenscheinigsten Deckmäntelchen (Krieg gegen den Terror) immer noch praktiziert werden. Da müssen wir nicht zu den grausam kolonisierenden Europäern der vergangenen Jahrhunderte zurück gehen, die sich ihrerseits ebenfalls die Feigenblätter der Wohltätigkeit  und rechten Ordnung vorhielten. Die Weiße Barbarei, eine äußerst aufschlussreiche Recherche von Rosa A. Plumelle-Uribe, beschreibt diese Geschichte mit erschütternder Genauigkeit.

Dies erinnert mich an ein Datum der chinesischen Geschichte, das mit gezielter Hilfe europäischer (englischer) und amerikanischer Mächte, den größten Massenmord vor dem 20-sten Jahrhundert, den "Taiping-Aufstand" 1851-1864, darstellt. Ihm fielen zwischen 20 und 34 Millionen Menschen, je nach Minimal- oder Maximalschätzung, zum Opfer. Eine Bewegung (christlich inspirierter "Kommunismus" unter der Führung von Hong Xiuquan), die den Feudalbesitz beseitigen und die Gleichheit, auch der Geschlechter anstrebte, musste gestoppt werden.[2] Ich erwähne das hier, weil dieses Geschehen erstens so gut wie unbekannt ist, zweitens, weil, damals wie in unserer Zeit, Frieden als Ruhe und Ordnung - oder Erhalt der herrschenden Mächte! - mit blutiger Gewalt durchgesetzt wird. Das geschieht so gut wie immer unter der Devise des Guten. 

Die chinesischen Studenten wollten 1989, 200 Jahre nach dem Ruf nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit der französischen Revolution, für ihr Volk diese Werte einfordern und haben's, viele von ihnen, wieder unter dem Motto der Ordnung, mit dem Leben bezahlt. Am 13.5.1989 verfassten  sie die "Deklaration der Studenten der Peking-Universität zum Hungerstreik". In der der chinesischen Kultur eigenen sanften, poetischen Sprache drücken sie mit Deutlichkeit und Vehemenz ihr Drängen nach Freiheit und Demokratie aus.[3] Ihre Worte und die Intensität ihres Anliegens, das sie über Seiten hinweg flehentlich und mutig zum Ausdruck bringen, rührt mich sehr, damals schon und heute noch. Doch, ob hier oder anderswo, noch wird der Friede und die Harmonie in der Gesellschaft, die die Fülle der Unterschiedlichkeit, das Sosein und das Anderssein, wie im alten chinesischen Dao, nicht realisiert. Auch wenn in anderen Kulturen die Martyrer für s  Volk noch nicht Martyrer für die eigene Freiheit, sondern gegen die Freiheit anderer Kulturen sind, so glaube ich dennoch an die vielen, sich sammelnden Kräfte, die - in allen Kulturen - die Menschlichkeit und das Wohlergehen für alle mit Energie, Intelligenz und persönlichem Einsatz anstreben.

 

H. Raskob


[1] Manche Astronomen haben aus ihrer Kenntnis die Sicht ins "ewige Sein", in ein unendliches Sein, aus dem "immer wieder" aus schwarzen Löchern explosiv Licht und Feuer und neue andere Universen hervorbrechen. So Frank Baier, Nuthetal. Vgl. auch eine Erklärung bei Glenda Green, Unendliche Liebe, wo ein großer Lehrer der Weisheit erklärt, dass das Sein unendlich und ewig ist.

[2] Vgl. Gunnar Heinsohn: Lexikon der Völkermorde. 1999: rororo aktuell, S. 103.

[3]  Einige stichwortartige Passagen der Deklaration der Studenten: "Der Hungerstreik ist eine Notmaßnahme... Mit dem Sterben kämpfen wir fürs Leben. ... Wir bitten alle anständigen chinesischen Bürger,  bitten jeden Arbeiter, Bauern, Soldaten, Städter ... Regierungsbeamten, Polizisten und diejenigen, die uns zu Verbrechern gestempelt haben; legt eure Hand auf eure Herzen und fragt euer Gewissen: sind wir Verbrecher? ... Wir streben mit hungernden Mägen nach der Wahrheit... Demokratie ist das erhabenste Lebensgefühl, Freiheit ist das angeborene Recht des Menschen ... Im Angesicht des Todes ... Eltern vergebt, dass wir Kinder nicht Loyalität und Pietät zugleich erweisen können... Unser mit dem Leben besiegelter Schwur wird die Republik aufhellen."