Neo-Nazismus

Projekt: Tiefenpsychologische Arbeit am Germanischen Mythos - H. Raskob

Einleitend:

Ich bin langjährig in der Friedensarbeit tätig (Forschung und Praxis), in den letzten Jahren besonders in Bezug auf Israel. Das führte naturgemäß zur Aufmerksamkeit für das Dreieck: Deutschland - Israel - Palästina mit dem Hintergrund des deutschen Holocaust an den Juden. Mein Interesse richtet sich verstärkt auf den deutschen Pol in dieser historischen Dreieckskonstellation.

Der Nationalsozialismus des Dritten Reiches hatte u.a. die Judenvernichtung zum Ziel. Die bereits vor 1900 von Theodor Herzel anvisierte und 1948 realisierte Gründung des jüdischen Staates sollte Sicherheit für das jüdische Volk bringen. Die historischen und zeitgeschichtlichen Verstrickungen, insbesondere der grausame Höhepunkt im deutschen Holocaust an den Juden, hat jedoch zu einer so tief greifenden Traumatisierung des jüdischen Volkes geführt, dass auch das im Lande ansässige palästinensische Volk zutiefst in das tödliche historische Drama und Trauma verwickelt wurde, und es noch ist.

Wiewohl meine sozialpsychologische Blickrichtung in der Hauptsache auf Israel-Palästina geht, so geht es mir hier jedoch zunächst rein um den deutsch-germanischen Anteil an dieser historischen Kalamität. Dieser Anteil ist, wie Sami Adwan von der Behtlehem Universität sich treffend äußerte, genügend Aufgabe für deutsche am Nah-Ost-Konflikt Interessierte.

Zur Sache:

Problemmacher und Störenfriede in irgendeinem System können kaum durch direkte Bekämpfung, ohne Auseinandersetzung damit und ohne ihnen gerecht zu werden, aus der Welt geschafft werden. Man mag zwar Sympathie haben für die Idee, den Schandfleck Neonazismus mitsamt Rassismus und Antisemitismus möglichst rasch zu entsorgen, da die rechtsradikale Gewalt das Ansehen Deutschlands in der Welt schädigt. Die Verdrängung u.a. durch Verbot der rechtsradikalen Parteien löst das Problem allerdings nicht, es wird dadurch in den Untergrund verschoben, wo es als Myzel ungesehen und ungestört weiterwuchern kann.

Aufklärung, Informationsarbeit und auch die sozial-psychologische Arbeit mit Gruppen und Gruppenidentitäten, wie es auch geschieht, ist notwendig und hilfreich. So auch die praktische Politik, die sinnvolle Angebote für Jugendliche - Freizeit wie Arbeit betreffend - macht, die dem rechtsextremen Feld das Futter entzieht. Ob dies zur Genüge geschieht ist eine dringliche real-politische Frage. Auch "Farbe bekennen" gegen Rechtsextremisms, die Kräfte demonstrativ sammeln und bündeln, die sich deutlich gegen die rechte Szene in Szene setzen, sind hilfreich, da sie ein Mitte-Links- Bewusstsein in der Bevölkerung stärken und das rechts-extreme mit seinen Zerrformen schwächen.

Zu all dem gibt es eine gruppen- und gesellschaftsorientierte Methode, die ich selbst für äußerst hilfreich und auf lange Sicht für erfolgreich halte, weil sie den Dingen auf den Grund geht und sich direkt mit den entsprechenden Strömungen befasst. Sie ist geeignet, das Problem auf seine Elemente und Motive hin zu durchleuchten und gleichzeitig die Verhältnisse im betreffenden Feld "in Ordnung" zu bringen, sozusagen die Spreu vom Weizen zu trennen. Im Fall der Bearbeitung des Germanischen Mythos heißt das, das gesunde Substrat oder den Kern des Deutschseins herausdestillieren, allgemein zur Achtung bringen, wodurch dem Grundanliegen Genüge getan wird und die kranken Wucherungen sich eher zurückentwickeln. (Kurzbeschreibung dieser Methode: Tiefendynamische Positionsarbeit.)

Hintergrund-Bewusstsein:

Zum Hintergrund für das spezifische Thema der Arbeit am germanischen Mythos, verweise ich vor allem auf entsprechende Gedankengänge bei Heinrich von Kleist. Sie wurden zwar von Hitler und dem Nationalsozialismus missbraucht, tragen aber an sich, wie ich meine, sowohl vertretbare wie auch höchst fragwürdige Züge. Die einen wie die anderen mögen historisch zeit-relativ sein (in der Art der Sprache sowieso), auch persönlichkeitsbedingt, sie bieten in jedem Fall eine passende Hintergrund-Folie für die anvisierte Arbeit.

Hier ein paar Zitate, die von Belang sind.

Bei Kleist, das deutsche Volk ob seiner Tugendhaftigkeit lobend, heißt es:

"Eine Gemeinschaft ..., deren Wurzeln tausendästig, einer Eiche gleich, in den Boden der Zeit eingreifen; deren Wipfel, Tugend und Sittlichkeit überschattend ...

Eine Gemeinschaft, die unbekannt mit dem Geist der Herrschsucht und der Eroberung, des Daseins und der Duldung so würdig ist, wie irgendeine; ..." 1

Dann auch bei Kleist die narzistische Überhöhung des deutschen Volkes:

Eine Gemeinschaft, in deren Schoß gleichwohl (wenn es zu sagen erlaubt ist!) die Götter das Urbild der Menschheit reiner, als in irgendeiner anderen, aufbewahrt hatten.

Und es wird von Kleist gesagt (Richard Herzinger): Im Krieg zu sich selbst gekommen, sollte das deutsche Volk nunmehr die ihm eigentlich seit jeher zugedachte Rolle ausfüllen - die geistige Führerschaft der ganzen Menschheit anzutreten, eben weil in ihm "die Götter das Urbild der Menschheit reiner als in irgendeiner anderen aufbewahrt" hätten.

Und sogar: Schlagt ihn tot! Das Weltgericht fragt euch nach den Gründen nicht!" ist bei Kleist in seiner Ode "Germania an ihre Kinder" zu lesen.

Die Ähnlichkeiten zur nationalsozialistischen Ideologie sind unverkennbar.

Die Spreu vom Weizen zu trennen und den realistischen Kern des Selbstwertbewusstseins heraus zu filtern aus dem Komplex der mythisch und kompensatorisch überhöhten Identität ist ein wichtiges Ziel des Projektes.

Realistisches Selbstwertbewusstsein ist von ausschlaggebender, tragender Bedeutung für das Gelten-lassen-können des Andern und für friedliche Kommunikation und das Zusammenleben mit Nachbarn, politisch und anderweitig.

Der religiöse Aspekt, hier der der Auserwähltheit, den Namen Gottes in Anspruch nehmend für die eigene Erhöhung und das Bekenntnis zur Auserwählung, ist in den Identität-schaffenden Mythen vieler Völker von Belang. Ob dies ethno-psychologisch mit der Kompensation des schwachen Selbstwertgefühls zu tun hat - wie es individualpsychologisch in der Regel der Fall ist - ist eine Frage, die der Beachtung wert ist. Forschungen in dieser Richtung müssten im Grunde die ganze Menschheitsgeschichte mit einbegreifen mit ihren Macht- und Unterdrückungslinien, die zum großen Teil das Bild von Ohnmacht, mangelndem Selbstwertgefühl einerseits und Macht-Streben und Selbsterhöhung andererseits sichtbar machen. Das Thema der (sich selbst-erhöhenden) göttlichen Auserwähltheit ist bei Kleists und bei Hitlers Deutschland - wie bekanntlich auch beim jüdischen Volk - vorhanden. Wenn es beim modernen Neonazismus nicht direkt ins Auge fällt, so ist das Thema dennoch im erweiterten Dreieck (D-I-P), in das der Neonazismus historisch und aktuell eingebaut ist, von wesentlicher Bedeutung.

Den Deutschen ist es heute nach neueren Untersuchungen wieder wichtig, sich als Deutsche fühlen zu können, also ein gesundes nationales Selbstwertgefühl zu unterhalten ohne mit dem Nationalsozialismus oder mit Neonazismus identifiziert zu werden.2 Auch in dieser Hinsicht ist es von Bedeutung, sich tiefenpsychologisch und korrektiv mit dem grassierenden Neonazi-Problem zu befassen. Ein normales, gesundes Selbstwertgefühl ist eine der besten Voraussetzungen für ein gutes Zusammenleben. Paranoide Ängste entfallen weitgehend sowie das Bedürfnis nach grandioser Selbstdarstellung, und der Andere darf anders und sich selbst sein.

Verwendung:

Das Konzept soll in Zusammenarbeit mit einem wissenschaftlichen Institut weiter bearbeitet werden.

Ferner soll es in Gemeinden und Institutionen zur praktischen Anwendung kommen.

  • 1 Die Zitate stammen aus: Heinrich von Kleist: Was gilt es in diesem Kriege? in: Werke und Briefe. Band 3, 1978, S. 386 ff.
  • 2 Vgl. Repräsentative Studien der Identity Foundation über „Die Identität der Deutschen“anlässlich des 60. Geburtstages der Bundesrepublik Deutschland, April 2009.