< Rede zum Ostermarsch 2015
01.06.2015 14:39 Alter: 4 yrs

Dr. theol. Hedwig Raskob: Der G e i s t weht, wo er will.

Zum Artikel „Die Potdamer Garnisonkirche und ihr Prediger Bernhard Rogge“ von Dr. Reiner Zilkenat, in: Heveller, Mai 2015.


Pastor Bernhard Rogge in Ehren, auch wenn seine Zeit vorbei ist. Rogge sieht die deutsche Reichsgründung 1871 „als Erfüllung der göttlichen Pläne zugunsten des Hauses Hohenzollern“, gewiss sehr zum Gefallen von Kaiser Wilhelm I, der die Predigt Rogges anlässlich der Gründung des Deutschen Reiches 1871 in der Schlosskirche zu Versailles hörte. Gottes Vorsehung habe damit ihr Ziel erreicht.

Die Amtszeit des evangelischen Predigers Rogge, 1862-1906, fiel in die Zeit des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71. Die preußische Militärseelsorge musste, gemäß der entsprechenden Kirchenordnung, die Verantwortung dieser Seelsorge dem evangelischen Feldpropst übergeben. Evangelische Seelsorger sind Militärbeamte. Rogge war schließlich Pfarrerssohn und Schwiegersohn des Feldpropstes der Preußischen Armee.

Es folgen bei Zilkenat viele Zitate, die alle in genannte Richtung laufen.

„Wir sehen das Deutsche Reich wieder auferstehen“. Zilkenat stimmt dieser die kaiserliche Obrigkeit verherrlichenden Tendenz wohlgefällig zu, wie es scheint.

Darüber bin ich höchst erstaunt. Auch wenn Zilkenat Jahrgang 1950 ist, ist er immerhin Nach-Kriegsgeborener und es ist mir befremdlich, wie Herr Zilkenat die obrigkeits- und kriegs-verherrlichende Haltung unterstützt und damit insgesamt den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche in der heutigen Zeit rechtfertigt. Ganz zum Schluss, in der allerletzten Zeile, lese ich dann, dass er das von ihm Zitierte als „Hetzreden“ bezeichnet. Eine wirkliche Distanzierung sieht anders aus, die hätte mehr argumentative Kraft für sich.

Die Verklärung und in Anspruchnahme des göttlichen Willens für die alte und neue Geschichte der Garnisonkirche kommt mir vor wie Blasphemie / Gotteslästerung. Den Namen Gottes zu gebrauchen für ein Militär- und Gewalt-bezogenes Projekt ist mir unerträglich. Welch ein Fautpax von Kardinal Faulhaber (der selbiges nach dem Krieg auch beschämt nicht mehr wahr haben wollte, wie ich mich diesbezüglich an einen Bericht erinnere), während des Krieges aber vollmundig verkündete:

„Angesichts der Riesenaufgabe des Krieges sind die großen Verheißungen des Evangeliums im Verein mit den kirchlichen Gnadenmitteln wohl geeignet, die sittliche Kraft der gläubigen Soldaten ins Heldenhafte zu erheben….

Für den Vorsehungsgläubigen ist der Krieg eine Pflugschar in der Hand Gottes, die … viel Unkraut umackert, den Boden für gute Saat bereitet … auch wenn dabei Grenzsteine umgeackert werden. … Auch der Weizen des Evangeliums blüht auf den blutbesprengten Feldern.“ (aus: Glaube und Leben. Eine Sammlung rel. Zeitfragen: „Der Krieg im Lichte des Evangeliums“. Verlag Leohaus, München.)

Das tut weh.

Gewiss in der Bibel, im Alten/Ersten Testament werden im Namen Gottes auch heftig Kriege geführt; die sind allerdings ebenso fragwürdig – und werden auch innerhalb der heiligen Schrift in Frage gestellt. Psalm 68, Vers 31, sagt z.B.: Zerstreue die Völker, die Lust haben an Kriegen.

Des Herrn schützende Sorge für Esau liest sich so bei: 5 Mose, Kapitel 2, Vers 5 und 6: Fangt keinen Krieg mit ihnen an. Speise sollt Ihr um Geld von ihnen kaufen. Auch beim Propheten Micha, Kap. 3, Vers 5, geißelt der Herr die falschen Propheten, die Kriege führen wollen, wenn sie was zum Essen brauchen.

Wir Deutschen, haben wir nicht aus unserer Geschichte gelernt, wohin die Weltkriege uns und die Welt geführt haben. Zu unermesslichem Leid für die Völker und Länder und die Frauen und Kinder wie auch für die jungen Männer selbst, die ihr Leben und ihre Seele ruiniert haben in diesen abenteuerlich-unverantwortlichen Unternehmungen. Ich höre den Cousin meiner Mutter noch weinen, dem als Vater drei seiner Söhne gleich zu Anfang des zweiten Weltkriegs getötet wurden.

Gott-sei-Dank gibt es nun doch immer wieder mal Aussagen in die Richtung, dass Kriege und Gelder für Kriege nicht mehr als friedenstiftend angesehen werden – wenn auch „der Schoß noch fruchtbar ist, aus dem das kroch“, wie Bertold Brecht in einer Parabel zum Emporkommen und der Karriere Hitlers schreibt. Oder F. Schiller vor mehr als 200 Jahren schon eine Warnung formulierte: „Weh denen, die dem Ewigblinden des Lichtes Himmelsfackel leihn!

Sie leuchtet nicht, sie kann nur zünden und äschert Städt und Länder ein.“

In dem Zusammenhang führe ich auch gerne die Information an, dass z.B. die Gelder, die vom Bundeshaushalt für Friedensarbeit vorgesehen sind, in etwa so hoch sind wie die Ausgaben, die für das Hundefutter beim Militär vorgesehen sind!!

Für militärische Zwecke schwirren da horrende Zahlen im Raum. Da heißt es in einem Bericht der Linken vom 21.5.2014: Allein 2013 Jahr gab die Bundeswehr für ihre Auslandsmissionen 1,0817 Milliarden Euro zusätzlich aus.“ Da stimme ich ihnen völlig zu: Für die Milliarden, die für Kriege und Militär ausgegeben werden, könnte man wahrlich solide Entwicklungshilfe leisten.

Trotz allem Leid, das die Kriege auf allen Seiten gebracht haben und bringen und die als „Helden-„ und „Ehrentode“ erträglich gemacht werden sollen, sind die Jahrtausende alten Kriegs“gelüste“ oder –Traditionen immer noch nicht vollends überwunden zugunsten einer entschiedenen Friedenskultur,

Die Anstrengungen um den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche sind ein Zeichen dafür. Aus der Zeit gefallen, wie es scheint. Da nützt auch nicht das Argument, dass diese Kirche zum Wesen und Stadtbild Potsdams gehöre. Die Zeitenwende, in der wir uns offensichtlich befinden, in der man nach vorne, in die Zukunft schaut, in der Vertreter der Vereinten Nationen ein Friedensgebet formuliert haben, in dem es zum Schluss heißt: „damit unsere Kinder und Kindeskinder einst mit Stolz den Namen „Mensch“ tragen werden, gebietet anderes als Wiederaufbau von militärischen Denkmälern.

Es gab im Zusammenhang mit der Diskussion um diese ominöse Kirche eine Phase, in der von einem Gedenk- und Versöhnungszentrum die Rede war. Diese Zeit scheint widersinniger Weise der Idee vom original-getreuen Wideraufbau gewichen zu sein, weshalb der betagte Paul Österreicher von der Partnerkirche im englischen Coventry (das von den Nazis völlig zerstört worden war) sich von diesem Potsdamer Projekt enttäuscht abgewandt hat.

Wann wird Potsdam seine Chance fassen und erfassen, die Zeitenwende voran zu treiben und eine Fackel für die neue Zeit zu werden?!

Pfingsten ist um die Ecke, der Sturmwind des Geistes hat Einiges zu tun. In der einstigen Heilig-Geist-Kirche, der jetzigen Seniorenresidenz „Heilig-Geist-Park“

in der Burgstraße in Potsdam ist am Eingang in einer Platte festgehalten, dass hier Potsdam gegründet wurde. Und der Geist ist ursprünglich mütterlich fruchtbar, so wie die Taube, ihr Symbol, eine äußerst fruchtbare Spezies ist. Also, Potsdam, mach Dich auf zu Deiner Leben-spendenden Berufung!

So viele Heilig-Geist-Spitäler in Deutschland zeugen noch von dieser Bedeutung, sie waren immer Wohltätigkeitshäuser. Und dieser Geist lässt sich anscheinend nicht vertreiben oder vernichten. Sein Name bleibt, auch wenn das Haus bereits anderen Nutzungen zugeführt wurde, wie wir z.B. beim Heilig-Geist-Feld in Hamburg sehen, das mittlerweile ein Sportfeld ist – oder bei der Heilig-Geist-Kapelle an der Humboldt-Universität in Berlin: Sie hat ihren Namen behalten, wenn sie mittlerweile auch dem profanen Dienst anderer Disziplinen dient.

Der Geist weht, wo er will und lässt sich nicht durch „viel Wind“ aus anderen Richtungen vertreiben.

 

Quelle: heveller-magazin.de/der-g-e-i-s-t-weht-wo-er-will/