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30.12.2011 11:35 Alter: 8 yrs

Israel-Palästina-Reise

Dr. Hedwig Raskob: zu meiner Israel-Palästina Reise Dezember 2011 (Kurzbericht)


Ich hatte das Glück, um die Weihnachtszeit in Israel zu sein. Der Anlass war ein privater, der Besuch dehnte sich aber aus, in Sachen Frieden, fast auf das ganze Land.

Ich war zu einer jüdischen Hochzeit in der Familie meiner langjährigen Friedens-Freundin Nava eingeladen. Ihre Familie ist „säkular“, wie sie das nennen, sie fühlen sich also nicht den vielen religiösen Vorschriften verpflichtet. Dennoch sollte bei der Hochzeit ein Mindestmaß an jüdisch-religiösem Ritual eingehalten werden. Ein (moderner) Rabbi hat also die eigentliche Hochzeits-Zeremonie gehalten. Das üppige Fest und die bunte Gesellschaft von über 200 Verwandten und Freunden mit vielen eingehenden Gesprächen bleiben mir in guter Erinnerung.

Meine Besuche führten mich nach Karmiel, ganz im Norden Israels, das auf zwei alten im 1948er Krieg zerstörten palästinensischen Dörfern aufgebaut ist. Der Stadtprospekt weiß n i c h t s davon. Wohl aber meine Freundin Fatma, jetzt in Beersheba. Ihre Familie wurde von dort vertrieben. Sie hegt keinen Groll mehr. Und doch: Alle Kriege und Vertreibungen hinterlassen Narben an den Menschen und an der Geschichte der Völker.

In Nazareth lebt Samira Khoury, gut über 80, "the old communist", wie mir mal gesagt wurde, die auch als junge Palästinenserin in diesem ersten Krieg kämpfte. Sie hat sich soooo gefreut, wie ich selber auch, dass wir uns relativ unerwartet wiedersahen. Sie fragt immer nach den Deutschen im Osten, wo sie früher öfters zu Kontaktbesuchen war. Sie erzählte von den Weihnachts-Vorbereitungen in Nazareth, bei denen Christen wie Muslime zusammen helfen, der historischen Stadt und ihrer prominent gewordenen Familie: Maria, Jesus und Josef, die Ehre zugeben.

Ich „musste“ unbedingt auch wieder nach Mughar, ebenfalls im Norden, wo im Jahr 2005 ein Pogrom hauptsächlich der Drusen gegen Christen stattfand. Ein nichtiger Anlass (eine irrtümliche Meldung, die Christen hätten ein Drusen-Mädchen ungenügend gekleidet ins Internet gestellt) war Grund genug, eine Hetzjagd auf Christen anzustellen. Viele christliche Familien verließen damals den Ort. Die Dinge hätten sich jetzt wieder beruhigt. Die Drusen haben sich im 11. Jahrhundert vom Islam abgesetzt.
In Zichron besuchte ich eine Friedensfreundin, aus Lybien stammend, eine jüdische Christin. Sie ist diesbezüglich besonders interessiert und etwas geängstigt. Sie meint, dass man in Europa die prekäre Situation der Christen in ihrem Lande nicht genügend beachten würde. Sie ist Autorin von „Burning Flowers“, einem Buch, in dem sie bis dato alle Selbstmordanschläge auf Israel dokumentiert hat. Ich war etwas besorgt in dem Gedanken, dass sie nur die israelische Seite sehen würde. Doch auch wir verstanden uns aller bestens. Sie und ihr Mann baten mich, ihnen das Gaza Youth Manifest, diesen dramatischen Notschrei der jungen Menschen im Gaza zukommen zu lassen, in dem diese die ganze Unterdrückungs- und Einengungsmaschinerie seitens der Hamas wie seitens der Israelis anprangern.
Fatma aus Beerscheba, eine intelligente und mutige palästinensische Israelin, lernte ich in Berlin kennen, wo sie an der Freien Universität über feministische Studien dozierte. Sie ist Mutter von fünf Söhnen und Töchtern und Autorin von "Palestinian Women", einem Buch in dem sie den starken, aber stummen palästinensischen Frauen endlich Raum und Stimme gibt. Mit ihr zusammen fuhr ich zumindest bis an die Grenze von Gaza. Vor ein paar Jahren hatten wir zusammen mit Abad, einem in Deutschland ausgebildeten Wissenschaftler ein Programm entwickelt, das Kommunikation und Konfliktlösung für alle Bildungsstufen zum Inhalt hat. Nach Gaza hereinzukommen, war jedoch jetzt völlig illusorisch. So telefonierte ich leider nur mit Abad. Es war ein kurzer Anruf aus einer kleinen Wüste in der Natur auf der israelischen Seite zu einer „Wüste des Lebens“ auf der palästinensischen Seite.

Mit Professor Glaubach, 20 Jahre Stadtverordneter in Jerusalem, erlebte ich Jerusalem neu, historisch wie aktuell. Er hat umweltbewusst zu seiner Zeit dafür gesorgt, dass in Jerusalem kein Schweröl mehr verbrannt wird. Ein Besuch mit ihm bei der SPD Stelle in der Ein Rogel Straße, mit einem herrlichen Blick auf den Ölberg, diente der ersten Kontaktaufnahme für mögliche künftige Konfliktlösungsarbeit. Herr Glaubach stellte hier, wie mancherorts, mit Genugtuung das friedliche Zusammenleben und Zusammenspielen von jüdischen und arabischen Kindern fest.

Die Geschichte von Abed auf der Westbank, ist für mich eine ganz besondere, eine des einfachen wahren Menschseins. Ich kannte Abed, und er mich, von den Friedens-Treffen bei „All Nations Café“, die seinerzeit in einer alten Ruine nahe beim neuen Jerusalemer Bahnhof stattfanden. Abed lebt allein etwas höher am Hang vom genannten Treffpunkt und hält die Stellung gegen die um sich
greifende Hand Israels. Viel Steine gibt’s hier und wenig Brot. Dennoch trotzt er diesem einiges ab an Gemüse und Kräutern. An der Tür zu seiner Höhle hatte Abed viele schriftliche Grüße aus aller Welt angeheftet. Da hängt nun auch unser Friedensflyer und ein paar Gebete, die mir sehr lieb sind. Auch das ABWUN nach N. Klotz: Urgrund des Kosmos, zeugend gebärende Liebe... DEIN ist das Reich der Liebe und des Friedens, ... die lebendige Kraft der Neugeburt. Für mich war es ein wunderbarer Nachmittag, Friede – Wohlergehen – pur. Mir kam der jüdische Weisheitssatz: Dann endet die Nacht und beginnt der Tag, wenn ich im Gesicht meines Nächsten den Bruder oder die Schwester erkenne.
Weihnachten in Bethlehem war schließlich der Endpunkt der Reise. Sozusagen ein kleines EU-Grüppchen aus Frankreich, der Tschechoslowakei, Polen und Deutschland traf sich an einem Sammelpunkt und warteten in strömendem Regen auf den Bus. Eine kleine Stunde warteten wir völlig durchnässt auf den Bus. In Bethlehem angekommen war kein Platz mehr für uns in der Hauptkirche. Wenn Maria und Josef es damals schafften zu überleben und gar neues ganz wichtiges Leben in die Welt zu setzten, würden wir die Nacht sicher auch überleben. Wir waren dadurch in einem Teil der Kirche von wo aus wir direkt „zum heiligsten Ort“, wie ich meinen Freunden sagte, zur Geburtsgrotte konnten. Als ich schließlich dort unten ankam, war ich seeeehr berührt von der Stimmung dort. Arabische Christen sangen gerade unser Stille Nacht, Heilige Nacht in ihrer Sprache. Ich kniete schließlich in der dichten Menge von Menschen dennoch ungehindert, ganz für mich, zu mitternächtlicher Zeit, direkt vor dem goldenen Stern, der die Geburtsstätte kennzeichnen soll. Ich dachte daran, dass ich so vielen Menschen versprochen hatte, hier im Gebet an sie zu denken. Doch ich habe keinen einzigen Namen formulieren können. Es ging mir nur in Kopf und Herz herum: Allen und Allem Segen, Liebe und Frieden... Auch die Polinnen waren überglücklich. Es war so innig und ergreifend, sagten sie.
Zu dieser Zeit war ja auch das beliebte Chanukka/Lichterfest in Israel, das an das Ölwunder zur Makkabäerzeit erinnert. Das Tagesmaß an Öl reichte in der Not für eine ganze Woche.
Diese Feierlichkeiten mit den fröhlichen Liedern, die die ganze Familie kennt und singt, habe ich genossen.

Insgesamt möchte ich sagen: Was mich sehr beeindruckt hat, das ist die Harmonie und das gute Leben in den Familien.

Der Kontrast zu den politischen Verhältnissen ist krass. Was die Siedler sich erlauben an Gewalttätigkeiten gegenüber allen, die sich ihren Vorstellungen entgegenstellen, ist besorgniserregend. Volk wie Politiker haben quasi Angst vor ihnen, wie man mir sagte. Im Dezember attackierten sie Soldaten und Militäreinrichtungen auf der Westbank, weil diese sich von Staats wegen in ihre zionistischen Ziele einmischten. Mit dem Glauben an ihren Gott, der sie ruft, das Land zu besetzen und zu besitzen, stellen sie sich "guten Gewissens" über jedes Gesetz. Gerade das ist mir etwas vom Allerschlimmsten, den Namen Gottes für die eigenen fragwürdigen Ziele einzuspannen.
Sehr positiv möchte ich noch sagen: Mittlerweile ist für mich als Deutsche im Kreis meiner jüdischen Freunde in Israel nichts mehr, gar nichts mehr zu spüren von den schrecklichen Lasten der Hitlerzeit. Natürlich weiß man’s, und es wird auch nicht umgangen in den Gesprächen. Aber es ist nichts, gar nichts an persönlichen, menschlichen Ressentiments vorhanden.


Den ausführlichen Bericht können Sie in www.friedensspirale.de lesen - wenn er denn eingestellt ist.
Dr. Hedwig Raskob, Ot Marquardt, Hauptstr. 6c, 14476 Potsdam, T 033208-22 228