< Politische Briefe: Brief an MGFA Potsdam
16.04.2011 11:12 Alter: 9 yrs

Rede zum Ostermarsch 2011


Dr. Hedwig Raskob, Rede zum 10. Ostermarsch in Potsdam.

 

Liebe Friedensfreunde, Liebe Mitmenschen !

 

Welt   ohne  Krieg   -  und   Wohlergehen für alle.

Das ist das Motto der Friedensspirale, die wir in Potsdam/Marquardt vor zwei Jahren gegründet haben,  und das ist das Motto auch des dies-jährigen  Oster-Friedensmarsches, das die Friedenskoordination Potsdam und die Soziale Bewegung im Land Brandenburg dem 10. Potsdamer Ostermarsch gegeben haben. Dort heißt es:  Für eine Welt ohne Krieg,  gegen Armut und soziale Ausgrenzung.

 

Das ist eine Vision – eine Hoffnung und eine Erwartung, die passt für unsere Zeit. Wir sind in einer großen Zeit des großen Wandels.

Wenn selbst Länder und Kulturen, von denen wir annahmen, dass alles „fest gemauert“  sei und Hoffnungen auf Veränderungen illusorisch seien,  wenn da aber nun Frauen wie Männer im Handumdrehen  der menschlichen Vernunft und der Weisheit  der Herzen Platz machen und selbstbestimmt gegen alle herrschenden Mächte auf die Straßen gehen und Freiheit für ein besseres Leben einfordern - wie in Tunesien, in Ägypten und im Ansatz in vielen Ländern des Nahen und Mittleren Osten, was heißt das dann  für  uns in Europa ?

 

Was ist der Wandel, der in dieser Zeit für uns angesagt ist ? 

Bei uns sind auch die alten Garden noch am Werk, die die „Werte“ der alten Zeit „retten“ wollen, die Werte der Herrschenden, Mächtigen und Habenden, wie wir bei der weltweiten Finanzkrise gesehen haben. Die reichen Verursacher werden kaum zur Rechenschaft gezogen. Unvorstellbare Milliardensummen für das Überleben der alten Ordnung zur Verfügung gestellt sowie für die militärisch-gewaltmäßige Durchsetzung westlicher Demokratiewerte, was in der Realität mehr nach Wirtschaftskriegen aussieht.

 

Wandel, Visionen. Die Vision einer Weltarmee gehört nicht zu den Visionen der Friedensspirale und nicht zu den Vorstellungen der Friko Potsdam oder der Sozialen Bewegung im Land Brandenburg und ganz sicher nicht zu denen der Friedensspirale. Die Institution Krieg ist eine  Krankheit, ein Krebsgeschwür am Körper der Menschheit. Der Philosoph und Atomphysiker Carl Friedrich von Weizsäcker (1912-2007) fordert, dass die Institution Krieg, Krieg also mit allem, was dazu gehört, überwunden werden muss. Der vielbeschworene Satz von „Krieg nur als letztes Mittel“, diese ultima ratio ist ein Schlupfloch für Krieg ohne Ende. Es wird immer „gute“ Gründe geben, einen Krieg vom Zaun zu brechen. Es sind fast alle Kriege, zumindest unserer Zeit, als Verteidigungskriege deklariert worden, auch wenn die Initiatoren genau wissen,  dass jeder Krieg am Ende Not und Elend für a l l e  beteiligten Völker bringt  und jeder Krieg in seinen Falten einen neuen birgt (August Bebel). Wie Helmut Schmidt sagt: Es ist leicht in ein Land einzufallen, schwer wieder heraus zu kommen. Und:  Alle Kriege haben dem Frieden weniger genützt als die Veranstalter sich das vorgestellt haben.

 

Krieg führen zur Verteidigung von Heim und Herd!? Kriege haben von ihrem Ursprung her eine ganz andere Bedeutung. Ich habe mich einmal mit der Frage befasst, ob es immer Kriege gab, wie es im kollektiven Bewusstsein so tief verankert ist. „Es hat immer Kriege gegeben, es wird sie immer geben“ hört man allerorten. Mit diesem Thema, zusammen mit der Frage: Hatten die Männer immer das Heft in der Hand, hatten sie immer das Sagen in unserer Welt, habe ich mich befasst. Letzteres wird ja auch gerne geglaubt und ist eben so tief im Bewusstsein der Menschen verankert worden. Die Religionen unserer Hemisphäre haben ihren Anteil an der Etablierung der Vaterwelt, der patriarchalen Welt, in der allerdings die Söhne bluten dürfen – in den Kriegen wie in den Wirtschaftsetagen, in den militärischen Kriegen wie in den Wirtschaftskriegen. (In der christlichen Religion sollte der „Sohn Gottes“ gemäß dieser patriarchalen Religion durch seinen blutigen und leidvollen Tod am Kreuz den Vater versöhnen.)

 

Diese beiden Fragen brachten mich in der privaten Forschung zu einem Zeitpunkt um die 3.000 v.u.Z., wo Archäologie, Mythologie, u.a. Zeugnisse belegen, dass es eine Zeit der Frauen gab, eine Zeit, in der die Mütter das Leben bestimmten, und alles, was dem Leben diente vorrangig war. Konflikte waren auch Teil einer solchen Gesellschaft. Doch sie wurden einvernehmlich gelöst. Die Waitaha in  Neuseeland geben noch heute insbes. mit ihren erst kürzlich zugänglich gemachten Geschichten und Mythen (Song of Waitha, auch in Deutsch) Zeugnis von einer solchen weisen Kultur des Friedens: mit der Natur, untereinander und vor allem in der hohen gegenseitigen Achtung zwischen Männern und Frauen.

 

Der allgemeine Umbruch jedoch vor etwas 5.000 Jahren von einer matriarchalen zu einer patriarchalen Welt brachte die Vorherrschaft des männlichen Geschlechts und die Degradierung der Frauen. Der gesellschaftliche Bedeutungsgewinn der Männer machte sich fest an der Idee von Krieg und der angeblichen Verteidigung der Sippe. Hier ist der Entstehungsort vom Mythos des Krieges. Je bedeutender kriegerische Aktionen wurden (Heldentaten, Ehrungen, Macht, Gebietseroberungen), desto bedeutender die männliche Welt. Und so hat sich Krieg als Institution etabliert und vor allem in einer Weise gefestigt und ins kollektive Bewusstsein eingeschrieben - und das als notwendig und ganz und gar ehrenwert. So wie fast alles Böse sich in der Regel nur im Namen des Guten durchsetzen kann (letztlich ein Zeugnis dafür, dass der Mensch im Kern gut ist), so musste die Kriegsidee hochstilisiert werden zu einer ehrenhaften Leistung. Es ist nicht von ungefähr, dass – wie C.F. von Weizsäcker auch herausstellt – Kriegsführung historisch ein Phänomen der Hochkulturen ist. Kriegskultur wurde zur Hochkultur und umgekehrt.

 

Ein Text, der sich erstaunlich gut erhalten hat und allgemein zugänglich ist - ein Text, der bezeugt, dass es einmal anders war, dass es eine Zeit ohne Kriege gab und ein allgemeines Wohlergehen für alle möglich war - finden Sie in der jüdisch-christlichen Bibel beim Propheten Jeremias (Kap. 44, Vers 15 ff). Dort heißt es – unter dem Titel von Protest gegen die etablierte Macht (der Religion): 

 

"Da antworteten dem Jeremia alle Männer ... und alle Frauen...: 'Was Du auch zu uns redest im Namen des Herrn, wir hören nicht auf Dich, sondern... wir wollen der Himmelskönigin opfern... wie wir und unsre Väter, unsere Könige und Fürsten in den Städten Judas und auf den Gassen Jerusalems getan haben.“ 

 

Es ist also nicht nur Frauensache, es war gesellschaftlicher Konsens. Männer wie Frauen haben in der „Vor-Kriegszeit“ von der Friedensdividende profitiert. Es heißt weiter:

„Da hatten wir Brot genug und waren glücklich ... Seitdem wir aber aufgehört haben der Himmelskönigin zu opfern und Trankspenden auszugießen leiden wir Mangel an allem und kommen um durch Schwert und Hunger." (Zürcher Bibel)

 

Das sind gut  4.000 Jahre her.

 

Es war also einmal anders – und es geht auch wieder anders.

 

Und die Söhne zeigen uns den Weg.  Schauen Sie sich die Berichte vom Kleinen Frieden im Großen Krieg von Michael Jürgs an: Als das erste Weihnachten im Ersten Weltkrieg kam, haben die einfachen Soldaten (Nicht Generäle und Offiziere) es fertig gebracht, zueinander zu finden und gemeinsam Weihnachten zu feiern, erst gemeinsam ihre Toten zu beerdigen, sich Geschichten zu erzählen, Geschenke auszutauschen usw. Als nach der Weihnachtszeit das „Aufeinander-Schießen“ wieder los gehen sollte, haben die nun Befreundeten zunächst nur in die Luft geschossen. Sich kennen lernen, sich befreunden, ist auch in unserer Zeit eine der  großen Wege  zum Frieden, zum Weltfrieden.  Doch das ist nicht die Idee derer, die Kriege planen und durchführen wollen. Der Kaiser hat seiner Zeit strengstens dafür gesorgt, dass im nächsten Jahr des 1. Weltkrieges keine Verbrüderung mehr stattfand. 

 

Diese Idee dass die jungen Männer nicht unbedingt einander abschießen wollen, dass sie dies aber doch immer wieder tun, damit haben sich u.a. Sönke Neitzel und Harald Welzer in ihrem kürzlich veröffentlichten Buch: Soldaten (Fischer Verlag) befasst. „In Wahrheit handeln Menschen, wie sie glauben, dass es von ihnen erwartet wird.“  Und da spielt die gesellschaftliche Akzeptanz der Kriegsidee eine Ausschlag gebende Rolle.  Da mögen manche von uns sagen, wie z.B. Lea Grundig von Dresden: „Es wollte mir nicht in den Kopf, dass Totschlagen sonst das größte Verbrechen war, im Krieg aber richtig und gut sein sollte“. Das über Jahrhunderte gefestigte kollektive Bewusstsein: Krieg ein selbstverständlicher Teil unseres Daseins – mit seiner eigenen grausamen Logik - setzt sich durch. Das hat uns ja auch die Milgram Studie gezeigt: Wenn mit „guten Gründen“ und möglichst von Vorgesetzten, die im Ruf stehen, das Rechte und Richtige zu vertreten, etwas verlangt wird, und sei es Quälen bis zum Tode, dann passen die meisten Menschen sich dem an. Nur etwa 4 % ist die Quote derer, die zu ihrem eigenen Gewissen stehen und ihm folgen. Das dürfte auch dem Prozentsatz der Widerständler in den Kriegen entsprechen.

 

Was uns das lehrt: Bei allem Gemeinschaftsempfinden, das nicht in Frage gestellt werden soll, sollten wir in der Erziehung – selbst bei der Ausbildung von Soldaten – auf die Achtung des eigenen Denkens und Empfindens Wert legen. Auf sich selbst hören, der Spur des eigenen Herzens zu folgen, ist sicher ein Gebot der Stunde unserer Zeit, die eine Zeit der Zeitenwende ist. Dieses auf sich selbst hören und gegen den Strom schwimmen, war schon immer  d a s  Momentum der Veränderung in der Geschichte. Dieses Auf-sich-Hören, findet oft eine Resonanz in den Vielen Anderen, dann nämlich, wenn die Idee eines Einzelnen/einer Einzelnen, verdeckt in der Masse und Menge bereits vorhanden ist, wie z.B. der Freiheitswille in Tunesien, Ägypten und den anderen Nah-Ost-Staaten.

 

Das Wort des Kirchenmannes  Paul Johannes des II ist beherzigenswert (auch wenn die christlichen Kirchen im Laufe der Geschichte es selbst besser hätten beherzigen müssen): „Wenn du Frieden willst, dann achte das Gewissen eines jeden Menschen.“ Auf sich selbst hören, sich selbst achten und den ernsthaften Willen des Anderen achten, würde uns entschieden weiterbringen in der Entwicklung zum Frieden.

Das genau dürfte es auch sein, das Hans-Peter Dürr (Atomphysiker und Friedensaktivist in München) und Kollegen (Dahm und zur Lippe) im Sinn haben, wenn sie uns im Potsdamer Manifest von 2005  zu einem neuen und visionären Denken ermutigen. Dort heißt es: „Es besteht kein Zweifel – ein neues Denken kann nur von den wirklichen individuellen Menschen ausgehen, vom Homo sapiens, in unserer vollen emotionalen und geistigen Verfasstheit.“ (S. 50 Ed. Ökom Verlag) Sie bringen als Paradigma zudem sogar die Liebe ein, die Liebe als Wegbereiter zum Leben und LEbendigen: „Wir müssen fortfahren neues Wissen zu schaffen, das L e b e n d i g k e i t  vermehrt erblühen lässt... Denn die Allverbundenheit, die wir Liebe nennen können und aus der Lebendigkeit sprießt, ist in uns und in allem Anderen von Grund auf angelegt.“ (S. 59)

 

Es ist uns also allen möglich, die Jahrtausende alte Spur von Krieg und Gewalt zu verlassen und der Spur des Lebendigen zu trauen und ihr zu folgen.

 

Das genannte Potsdamer Manifest und das bekannte Potsdamer Toleranz-Edikt von 1685 legen zumindest die Idee nahe dass gerade Potsdam eine mögliche Stadt des Friedens werden könnte, auch wenn Potsdam sich befleißigt an die alte Militär- und Garnison-Tradition anzuknüpfen (mit der Verlegung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes nach der Wende von Freiburg nach Potsdam und der Stationierung des Bundeswehreinsatzkommandos in Geltow bei Potsdam). Der Wiederaufbau der Garnisonkirche, auch wenn mit Versöhnungszentrum gehandelt wird, scheint  doch die Anhaftung an die alte militärische Tradition Potsdams zu verraten. Diese alten Geister sollten wir um Himmels willen nicht wieder beschwören. Es gibt ganz neuerlich Vorstellungen von einem Potsdamer in die Breite gehenden Friedensdom an der Stelle der alten phallischen spitz aufragenden Garnisonkirche. Alles Zeichen einer symbolischen Wandlung Potsdams hin zu einer Friedensstadt – auch wenn noch große Anstrengungen nötig sind bis der Geist der alten Kriegskultur einer echten Friedenskultur Raum geben wird. Nicht der Krieg, sondern der Friede ist der Vater (oder die Mutter) aller Dinge, wie es Willy Brandt  gesagt haben soll. Und Friede (Salam/Schalom)bedeutet in manchen Kulturen Wohlergehen.  Welt ohne Krieg also und Wohlergehen für alle. Es ist möglich.

 

Schriftlich nachträglich ergänzt im Sinne der frei gehaltenen Rede am 16. April 2011 in Potsdam am Platz der Einheit.  Dr. Hedwig Raskob, Potsdam OT Marquardt.