< Friedensfest 7./8. Mai 2011
19.05.2011 11:06 Alter: 9 yrs

Keine Garnisonkirche Potsdam


Raskob, Hedwig: 

 

Zu Krieg und Frieden und der Garnikirche für Potsdam. Aufschub und Zeit für neues Denken.

Seit vielen Jahren befasse ich mich mit den sehr  großen  Fragen von Krieg und Frieden.

Es steht für mich fast: Es hat  n i c h t   immer Kriege gegeben – und  wir brauchen sie in der Zukunft auch nicht zu dulden. Der Mensch ist eben so, dass es nicht ohne Krieg geht ..., dieser Gedanke, zwar fest eingehämmert ins kollektive menschliche Bewusstsein, stimmt jedoch nicht. Der Mensch ist keineswegs so. Der Mensch will Frieden und ist konflikt- und friedensfähig. Dass es unter Menschen immer unterschiedliche Ansichten und Wünsche und Ziele gibt, wer würde das bestreiten!? - Natürlich auch unter Nationen. Doch, zur Lösung und Befriedung solcher Differenzen stehen heute reichlich Konfliktlösungs-Methoden zur Verfügung, wie im Grunde zu allen Zeiten und in allen Kulturen. Organisierte Kriege, wie wir sie aus den Jahrhunderten der so genannten Hochkultur kennen, sind keine natürlichen, dem Menschsein eigene Wege der Lösung von volksübergreifenden Problemen. Im Gegenteil, sie sind das Problem. Die frühen alten Kulturen hatten dem Menschsein angemessenere Wege der Lösung für natürliche wie für provozierte gesellschaftliche und nachbarschaftliche Konflikte. Ich weise hin auf die noch existierende Kultur der Waitaha in Neuseeland, die über fast 2000 Jahre hinweg ihre tief im Bewusstsein verankerte Friedenskultur mit Göttin des Friedens, bewahrt haben. (Song of  Waitaha. in Deutsch: W. Altmann)

Es gibt in der Welt, die wir von der Geschichte wie von der Zeitgeschichte her kennen, ein großes Interesse an Krieg. Was las ich dieser Tage von Adam Keller, einem israelischen Kritiker der israelischen Regierungspolitik:  “Gott bewahr“ dass der Friede wirklich käme! Er gibt damit die verdeckten Interessen an der Nicht-Lösung des lang währenden Israel-Palästina Konfliktes wieder. Es gibt eben zu viele Interessen an Krieg. Eine Teilnehmerin an Friedensseminaren sagte auch einmal: Krieg ist viel interessanter als Frieden. Dies stimmt nicht nur für die Medien, sondern besonders für die Wirtschaft, insbesondere die Rüstungsindustrie.

Diese Interessen, denke ich, sind der Grund für das Aufrechterhalten des allgemeinen Bewusstseins von der Unausweichlichkeit von Kriegen. Sie sind gleichzeitig Anlass zur Bedenklichkeit und Bereinigung des kollektiven Bewusstseins.

Zur Frage des Wiederaufbaus der Garnisonkirche: Ich glaube den Protagonisten des Widersaufbaus dieser Kirche mit ihren Intentionen von Versöhnungszentrum und Begegnungsstätte im Zusammenhang mit dieser Kirche. Haben diese Protagonisten allerdings, auch die kirchlichen, sich zur Genüge auseinandergesetzt mit der Verbindung von Versöhnung und dem regen Engagement für den Aufbau? Wie aus dem Prozess der letzten Jahre zu ersehen ist, sind Generäle mit ihren Erinnerungen und ihrem Geprägtsein von Verteidigungs- und auch mutigen Angriffsmanövern, vertreten unter den Protagonisten. Auch Symbole und „Reliquien“ der Kriegsführung sind reichlich vorhanden im jetzigen Torso-Gebäude dieser Kirche, sie sind gedacht als Gegenstände der Erinnerung. Auch das Nagelkreuz von Coventry, das schon 2005 bei der Grundsteinlegung mit verankert wurde im Gebäudekomplex ist ein weiteres Beispiel für die Mischung von Abschreckung und Andenken von Kriegsgeschehen.

Ich kann nicht umhin zu denken, dass unser Geist und das allgemeine Bewusstsein noch nicht geklärt sind für einen eindeutigen „Marsch“ zum Frieden und zu einer eindeutigen Friedenskultur. Auch nicht was konkret Potsdam als eine mögliche Stadt des Friedens betrifft. Da sind einige Institutionen in Potsdam und um Potsdam herum, die eindeutig mit militaristischem Denken in Verbindung stehen. Das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA), das einst in Freiburg im Schwarzwald ansässig war, wurde seit der Wende in die Zeppelinstraße in Potsdarm verlegt. Das Einsatzführungskommando der  Bundeswehr ist in unmittelbarer Nähe zu Potsdam, in Geltow, angesiedelt. Es ist nicht schwer nachzuvollziehen, dass diese eindeutig dem Militär gewidmeten Einrichtungen sich nach Potsdam, der alten Militär- und Garnisonstadt „hingezogen fühlen“ - und damit auch den alten Militärgeist von Potsdam weiter festhalten und beflügeln.

Ich denke, es ist noch viel zu tun an innerer individueller und kollektiver äußerer Bewusstseinsveränderung bis der alte Geist des Krieges in Potsdam und in der Welt wirklich vergeht. Deshalb sollte  das Projekt Aufbau Garnisonkirche noch warten und nicht der Versuchung erliegen, zum jetzigen Zeitpunkt etwas zu erstellen, das in Bälde überhaupt nicht mehr zeitgemäß ist, wenn es denn je eine menschlich vertretbare Idee war. Überall in der Welt gehen radikale Reformbewegungen voran. Die Zeitenwende macht nicht halt vor den Toren Potsdams.

Weitere humane Gedanken zu Krieg und Frieden und unserer Garnikirche: Wir, d.h. psychologische Fachkräfte in der Friedensspirale e.V., haben uns im Rahmen einer bestimmten Methode mehrfach mit Krieg und Einzelaspekten von Krieg befasst und stellten fest, dass das Mitläufertum jeweils stark vorhanden war, was auch verständlich ist. Es gibt Studien wie u.a. die Milgram-Studie, die eindeutig belegen, dass Menschen in der Regel auch zu grausamen, Menschen verletzenden Aktionen fähig sind, einmal „im Namen des Guten“, zum anderen wenn führende Autoritäten es verlangen. Nur 4 % einer Bevölkerungsgruppe sind geborene Widerständler, was auch verständlich ist, gewissermaßen. Wir können nicht im Alltag und in der Gesellschaft ständig im Widerstreit leben. Wir sind soziale Wesen, und es ist weniger Kräfte zehrend, mit zu gehen in der Gruppe, als der leisen inneren Stimme des eigenen Herzens Gehör zu schenken und ihr zu folgen statt Widerstand zu leisten.

Dieser Umstand der Zugkraft von Gruppen- oder Massenbewegungen und von Autoritätshörigkeit lässt uns allerdings auch aufmerken und sagt uns, dass dies ein Thema ist, bei dem wir wach sein müssen, vor allem, wenn wir bedenken, wohin das aufgeklärte Deutschland schon einmal hin marschiert ist.

Einige der Reaktionen der Bevölkerung zum Aufbau der Garnisonkirche, die für die Internet-Präsentation ausgewählt wurden, erinnern an solche „Mehrheitsbewegungen“ im noch üblichen  kollektiven Denken. Dass sie ausgewählt wurden, zeugt von ähnlichem Geist und Bewusstsein.

-  Ich bin für den Wiederaufbau... - “…weil die Kirche historisch einfach zu Potsdam gehört.”   4. August 2008.

-  Wie wahr auch: Ich bin für den Wiederaufbau “… weil das Verstehen und Begreifen Damals das Handeln und Denken von Heute beeinflußt.”, 6. Mai 2010. Das genau geschieht im Votum für den Aufbau der Garnisonkirche. Das in der Geschichte vorhandene Bewusstsein, durchwachsen von Wunsch nach Frieden und Ergebenheit in Kriegsgeschehen, ist weiterhin vorhanden.

-  Das Zitat, dass der Aufbau “… Vergangenheit und Zukunft verbinden” würde, zeugt ebenfalls von diesem Bewsustsein. 18. Februar 2011

Es ist auch zu lesen: „Der Zweite Weltkrieg war bereits entschieden, als ein Luftangriff am 14. April 1945 die Potsdamer Mitte in Trümmer legte. Die berühmte Hof- und Garnisonkirche fing Feuer und brannte aus. Das holländische Glockenspiel stürzte in die Tiefe und zerschellte“. Beim wieder hergerichteten Glockenspiel der Garnisonkirche in diesem Gebiet Potsdams ist zu lesen, dass dies mit dem Schwanengesang: „Üb immer Treu und Redlichkeit bis an Dein kühles Grab und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab“ geschah.  Dieses symbolische Geschehen lässt viele Interpretationen zu  je nach Bewusstseinslage zu Krieg und Frieden. Ich würde hoffen, dass das Selbstbewusstsein und das Gottesbewusstsein sich in der Weise decken würden, dass sie zusammen gehen im Weg der Liebe und des Friedens. Die Liebe ist der Urgrund und die Quelle allen Lebens, aus religiös-theologischer Sicht wie aus natürlich-menschlicher.

Möge der Ruf von Potsdam nicht als Ruf in die Welt gehen für die Errichtung dieses Zwitters von Krieg und Friedenswünschen, sondern eher wie der Dresdener Ruf in die Welt ging zum Aufbau einer dem Volk und den Herzenswünschen der Menschen verbundenen Symbol von friedvoller Kultur menschlicher Gemeinschaft. Was das allerdings konkret für Potsdam bedeuten würde, das ist erst noch im Volk und aus dem Volk zu eruieren. Der jetzige, unangebrachte Ruf Potsdams in die Welt zum Aufbau des alten überholten Militär-Symbols ist es jedenfalls nicht. Wie aus den Protokollen zu ersehen, ist diese Idee ja auch nicht die des Volkes, sondern die von alten militärisch geprägten Interessengruppen, zum großen Teil von außerhalb Potsdams. Die Idee des Aufbaus der Garnikirche, wie ich sie lieber nenne, hat sich mit kirchlich-religiösen Intentionen verbunden, die, heute anders als zu Zeiten des ersten oder zweiten Weltkrieges, auf Frieden und Versöhnung unter den Völkern ausgerichtet sind. Das sind eventuell sogar die militärisch geprägten Interessenten, zumindest in der Mischform von Kriegserinnerung und Fiedenswünschen. Zu wünschen ist aber eine tiefgreifende Bereinigung der Intentionen, ein kristallklares Bekenntnis zu einer Kultur des Friedens, die dem Leben und dem Lebendigen folgt, statt Fantasiespielen mit Kriegerischem und Friedlichem. Das Symbol einer alten Militärkirche trägt nicht zu dieser Bereinigung bei. Ein eindeutiges, von der Gestalt her bauchiges statt phallisches Gebilde würde eher für Leben und Lebensschutz Zeugnis geben.

Potsdam ist ja nicht nur eine Militärstadt. Potsdam hat schließlich auch, wie in diesem Zusammenhang oftmals erwähnt wird, eine Tradition des Friedens, der Zusammenarbeit und Kooperation mit anderen Nationen oder Völkern. Das Edikt von Potsdam wurde vom so genannten Großen Kurfürst im November 1685 erlassen und hat vor allem die religiös Verfolgten aus Frankreich ins Land gelassen, zum beidseitigen, auch wirtschaftlichen, Wohl.

Die Komplette Reinigung und Bereinigung des Denkens hin zu einer wahrhaftigen reinen Friedenskultur steht an in unserer Zeit. Carl Friedrich von Weizsäcker, der Atomphysiker und Philosoph reklamierte schon 1986: Wacht auf zu der Erkenntnis, dass die Institution des Krieges überwunden werden muss.“  Mit allem, was dazu gehört, versteht sich, jedenfals die Rüstungsindustrie und das Freund- und Feinddenken. Wir sind alle Menschen, und wir sind in der Lage menschlich zu denken und zum Wohl des Menschseins und der Menschheit zu handeln.

Ein Österreicher (!), Dieter Schwertberger, formuliert eine Zielvorstellung, die neues Denken in diese Richtung hin anregt – eine mögliche Anregung für die Potsdamer Aufbau-Interessierten: Bei www.dees.at/domeofpeace/german/dom.htm ist zu lesen:

„ein Haus der Inspiration im Dienste der Verwirklichung der Menschheitsträume Welteinheit, Weltfrieden und Weltkultur. Als lebendiges Zeichen der Zeit soll der Friedensdom als Richtungsweiser zu einer menschenwürdigen Zukunft überall auf unserem Planeten dienen. Der Friedensdom ist Kunsthaus, Erlebniswelt und Veranstaltungszentrum, aber auch ein Ort der Stille und Besinnung für alle Erdbürger.“

Dass das ergreifende Wort von N. Tolstoi die Welt ergreift:  Endlich wich der Krieg dem Frieden.

Dr. Hedwig Raskob, Marquardt/Potsdam: www.friedensspirale.dewww.cor-peacework.de.